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Schule trifft Arbeitswelt

Blinder Auszubildender bei der Bochum Gelsenkirchener Straßenbahnen AG

Ein Bericht aus der Maßnahme "STAR - Schule trifft Arbeitswelt" von Agnes Egbert, Fachdienst für Menschen mit Sehbehinderung beim Landschaftsverband Westfalen Lippe, Integrationsamt

Der 17-jährige Kjell Hellmonds betreibt in seiner Freizeit Leichtathletik und spielt auf dem PC mit dem „Bussimulator". Busse und Bahnen faszinieren ihn. Seit langem ist es sein Wunsch, diese Vorliebe mit einer beruflichen Tätigkeit zu verbinden.

In Folge einer Sehnervenschädigung ist Kjell Hellmonds seit seinem vierten Lebensjahr fast blind, er kann nur Schatten und sehr kontrastreich dargestellte Farben wahrnehmen.

Kjell Jellmonds am Computer mit Brailleziele
Kjell Hellmonds nutzt einen Laptop mit Braillezeile

Nicht nur indirekt wird er sich zukünftig mit Bussen im Rahmen seiner im August 2015 beginnenden Ausbildung zum Bürokaufmann für Büromanagement bei der Bochum Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (BOGESTRA) beschäftigen.
Aktuell besucht Kjell Hellmonds die 10.Klasse der Adolf-Reichwein-Realschule in Witten. Er steckt mitten in den Abschlussprüfungen. „Am Anfang in der Grundschule haben die anderen Schülerinnen und Schüler viel gefragt, das ist schon komisch gewesen!", so erklärt Kjell Hellmonds. Damals wie heute erklärt er selbstbewusst, wie er die Welt „sieht", vertritt, was ihn beschäftigt, was er braucht: „Ich sehe eben nicht so gut, ja und!". Von seinen Eltern keinesfalls ‚in Watte gepackt' und zu größtmöglicher Selbständigkeit erzogen, legt er seine Wege, auch zur Schule, selbständig unter Nutzung des Langstocks mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück.
Seit Beginn der Grundschule wird er im Gemeinsamen Lernen von einem Integrationshelfer sowie Frank Pommerenke, Sonderschulpädagoge an der Martin-Bartel-Schule (LWL-Förderschule Sehen) in Dortmund unterstützt. Frank Pommerenke kommt für einige Stunden in der Woche an die Schule. Zu seinen Aufgaben gehören die Medienversorgung und -adaption, das Training der Blindentechniken und des Umgangs mit dem PC, die Beratung der Lehrer vor Ort und des Integrationshelfers hinsichtlich der Gestaltung des Unterrichts.

Kjell Hellmonds mit GL-Lehrer F. Pommerenke
Kjell Hellmonds mit Frank Pommerenke an seiner Schule

Das Thema der beruflichen Orientierung wird den Schülerinnen und Schülern an der Adolf-Reichwein-Realschule (1) bereits früh nahe gebracht. Seit der 8. Klasse wird Kjell Hellmonds zudem durch Claudia Halsinger, Fachberaterin für Menschen mit Sehbehinderung beim Integrationsfachdienst Gelsenkirchen, im Rahmen von STAR unterstützt. In Kooperation mit der Schule, Frank Pommerenke und der Arbeitsagentur initiierte Claudia Halsinger eine speziell auf die Bedürfnisse von blinden Schülerinnen und Schülern zugeschnittene Potentialanalyse, begleitete die Praktika und steht nun als Ansprechpartnerin bei der Vorbereitung des Ausbildungsverhältnisses zur Verfügung.
Joachim Boguschewski, zuständig bei der BOGESTRA für den Bereich Ausbildungsmarketing und die Ausbildung der Bürokaufleute, erklärt: „Da waren schon sehr viele Fragezeichen am Anfang. Wir hatten bisher keinen blinden Auszubildenden. Viele Fragen standen im Raum: Wie die Arbeitsplatzeinrichtung technisch realisiert werden kann, wie die Einsätze in allen Ausbildungsbereichen gewährleistet werden können und wie der Berufskollegbesuch zu bewerkstelligen ist. Er sei sehr erleichtert und froh gewesen, als dann Claudia Halsinger bei Vorbesprechungen (2) deutlich gemacht habe, dass sie bei den zu klärenden Fragen den roten Faden in der Hand halten und als Ansprechpartnerin klärend zur Seite stehen werde. Jetzt freue man sich bei der BOGESTRA und sei sehr gespannt auf die anstehende Ausbildung.
Auf die Frage, wie er die BOGESTRA überzeugt habe, erklärt Kjell Hellmonds im Interview: „Das waren die beiden Schulpraktika! Hier konnte ich zeigen, was ich kann, wie zuverlässig ich bin. Und dass ich gut ins Team passe." Zeigen konnte er auch, wie er mit seinen Hilfsmitteln, der Braillezeile und der Sprachwiedergabe, arbeiten und sich die Vorgänge zugänglich machen kann.
Kjell Hellmonds ist nicht nur gutes Beispiel für eine gelungene Inklusion im schulischen Bereich, sondern auch dafür, wie der Übergang in das Berufsleben gelingen kann, wenn alle im Berufsorientierungsprozess Beteiligten optimal zusammenarbeiten. Es zeigt einmal mehr, dass ordentlich vorbereitete sowie fachlich begleitete Praktika der Königsweg in Ausbildung und Beruf sind und STAR für berufliche Inklusion unverzichtbar ist.


*1 Die Adolf-Reichwein-Realschule wurde in den letzten Jahren zweimal mit dem Siegel „Schule mit vorbildlicher Berufsorientierung" vom Arbeitgeberverband Mittleres Ruhrgebiet ausgezeichnet.

*2 Beteiligte an diesen Vorbesprechungen waren Vertreter der BOGESTRA aus den Bereichen Personal, Ausbildungsmarketing, Personal-, Auszubildenden- und Schwerbehindertenvertretung, der EDV, der Schule, der Arbeitsagentur, des Integrationsfachdienstes und natürlich Kjell Hellmonds selbst sowie seine Eltern.

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